Eine Gottesburg vor dem Teufelsberg: Die Annabergkapelle über Burrweiler

Ein verstecktes Heiligtum ist die St. Annakapelle hoch über dem Weinstraßenort Burrweiler nicht. Weithin sichtbar leuchtet das weiße Gemäuer mit seinem spitzen Türmchen von einem Vorsprung des Teufelsbergs in die Rheinebene hinaus. Aber als eines der meist besuchten Pilgerziele der Pfalz ist auch die Annabergkapelle nur zu Fuß erreichbar. Und wer an einem heißen Sommertag den steilen Weg zum Kirchlein hochsteigt, wird gern an den grazilen neugotischen Kreuzwegstationen eine kleine Rast einlegen, um neuen  Atem zu schöpfen.

„Seit urvordenklichen Zeiten“ soll auf dem 423 Meter hohen Bergsporn eine Kapelle zu Ehren der heiligen Mutter Anna gestanden haben – so ist auf einer Steintafel an der Ostseite des Bauwerks zu lesen. Sichere Daten über einen Ursprung der Wallfahrt gibt es jedoch nicht. Die Verehrung der heiligen Anna, der Mutter Mariens, erreichte im ausgehenden Mittelalter ihre Blüte. Anna-Legenden und Wundererzählungen waren damals weit verbreitet und auch eigene künstlerische Darstellungsformen entstanden: zum Beispiel das Motiv der „Annaselbdritt“, das Anna, Maria und das Jesuskind in einer Gruppe zeigt. Angerufen wurde Mutter Anna in den Anliegen einer guten Heirat und einer glücklichen Geburt, ebenso bei Blitz- und Unwettergefahr. Sie ist die Patronin der Mütter und Witwen, aber auch einzelner Zünfte wie der Bergleute und der Weber.

Sicher bezeugt ist eine Verehrungsstätte der Mutter Anna über Burrweiler erstmal 1714, als unter der Herrschaft der Grafen von der Leyen hier eine neue Kapelle erbaut wurde. Wenn es einen Vorgängerbau gab, ist er möglicherweise in den Kriegswirren des 17. Jahrhunderts untergegangen. Das ganze 18. Jahrhundert hindurch entfaltete der Annaberg eine immense religiöse Anziehungskraft. Aus allen Nachbardörfern führten große Bittprozessionen zur Kapelle, um Schutz für die Weinernte zu erflehen. Im Pestjahr 1746 gelobten die Pfarreien Burrweiler und Flemlingen eine Dankwallfahrt, die sich bis heute erhalten hat. Zeitweise gab es so viele Messbestellungen in besonderen Anliegen, dass der Ortspfarrer mit dem Messelesen nicht mehr nachkam. So musste schon 1765 die nur fünf Jahrzehnte alte Kapelle wegen „dem allzu großen Zulauf des Volkes“ und ihres schlechten Zustandes einem größeren Neubau weichen. Die französische Revolution, die ab 1792 bis zum Rhein vordrang, setzte dann aber allem Wallfahren ein Ende.

Doch nur vorübergehend: Schon bald nach der „Franzosenzeit“ zeigte sich, dass die katholische Bevölkerung der Oberhaardt St. Anna treu geblieben war. So liest man in dem Buch „Die Pfalz und die Pfälzer“ von August Becker, dass es 1857 längst wieder feste Tradition war, an den neun Dienstagen nach dem 26. Juli, dem Fest der Patronin, in großer Wallfahrt zur Kapelle hochzuziehen und Mutter Anna zu ehren. Und Becker fügt hinzu: „Tausende und abermals Tausende versammeln sich dann hier oben in der Nachbarschaft des Himmels, freilich nicht alle um zu beten und die im Freien gehaltene Predigt zu hören, sondern auch, um sich an der Aussicht zu ergötzen und nach eigener Weise Gott zu verehren, oder sich an dem jahrmarktartigen Treiben des selbst beim Wallfahren noch heiteren pfälzischen Volkes zu erfreuen.“

Die Kapelle selbst muss sich zu dieser Zeit schon wieder in einem sehr schlechten Bauzustand befunden haben. Hohe Unterhaltskosten ließen den Wunsch nach einem Neubau immer stärker werden. So kam es 1884 zur Gründung eines St. Anna-Vereins, der sich die Spendenwerbung für eine größere und solidere Kapelle zum Ziel setzte. Zehn Jahre später war es dann soweit: Insgesamt 45 000 Mark waren zusammengekommen, wie Ortspfarrer Michael Hendel, die treibende Kraft des Bauvorhabens, dem Bischof mitteilte. Der Pfarrer selbst hatte seine ganzen Ersparnisse, 25 000 Mark, beigesteuert. Im Frühjahr 1895 wurde die alte Kapelle abgebrochen und mit dem Neubau nach den Plänen des bekannten Kirchenarchitekten Wilhelm Schulte begonnen. War das Vorgängerkirchlein, wie erhaltene Fotos zeigen, noch ein einfacher Saalbau mit angebautem Chor und  Dachreiter, entstand nun eine imposante Gottesburg in der Formensprache der hohen Gotik.

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Schon äußerlich ist das steil aufragende Monument ein Schmuckstück damaliger Kirchenbaukunst. Aber auch bei der Gestaltung des Innenraums wurden hohe Maßstäbe angelegt: Die Schnitzaltäre, die bemalten Glasfenster und die Ausmalung im nazarenischen Stil – alles ist sehr qualitätsvoll. Obwohl bei Renovierungen ein Teil der Wandbemalung wieder entfernt wurde, kann man hier eine fast komplette neugotische Kirchenausstattung bewundern, wie sie den meisten Pfarrkirchen aus dieser Zeit leider verloren gegangen ist. Noch beeindruckender aber ist die ungebrochene Anziehungskraft der Wallfahrt zur heiligen Mutter Anna: Nach wie vor sind es tausende Gläubige, die  alljährlich an den neun Anna-Dienstagen zur Kapelle unter dem Teufelsberg pilgern, um mit dem Wallfahrtslied die Bitte an die himmlische Fürsprecherin zu richten:

Schenk Gedeihen unserm Land,
fern halt Frost und Sonnenbrand,
heilge Mutter Anna!
Hunger, Krieg und teure Zeit,
Not und Siechtum treibe weit,
heilge Mutter Anna.

Der Weg

Wer zur  Annakapelle hochgepilgert ist, kann leicht noch den darüberliegenden, fast 600 Meter hohen Teufelsberg mit dem Wetterkreuz ersteigen. Beide Ziele verbindet der folgende Wandervorschlag. Das  Auto stellen wir in Burrweiler auf dem öffentlichen Prakplatz zwischen der Pfarrkirche und der „Winzergaststätte Grafen von der Leyen“  ab (rechts der Ortsstraße, die von der Weinstraße (L507) abzweigt). Sind die Wanderstiefel geschnürt, folgen wir der Straße weiter bis zur Kreuzung wo die Beschilderung den Weg zur Kapelle weist. Die St. Anna-Straße aufwärts, leitet uns am „Alexanderplatz“ der Wegweiser nach rechts zum Wallfahrtssteig. Immer die Bildstöcke mit den Kreuzwegdarstellungen zur Linken, führt er – teilweise über Treppen – durch die Rebhänge und zuletzt den Wald in fast direkter Linie zur Kapelle hoch.

Oben, auf dem stufenartig ansteigenden und von einer Kreuzigungsgruppe überragten Kirchplatz versammeln sich an Wallfahrtstagen die Pilger, während die Messe unter dem Vordach der Westfassade gefeiert wird, wo auch die Freikanzel ihren Platz hat. Ist die Kapelle geschlossen, ermöglicht ein Guckfenster des Portals einen Blick in den reichgeschmückten Chor mit seinen bunten Fenstern. Man darf die Kapelle nicht verlassen, ohne von ihrer Ostseite aus den großartigen Ausblick über die Rheinebene hinüber zu den Höhenzügen von Odenwald und Schwarzwald zu genießen.

Wir wenden uns nun nach Westen zur St. Anna-Hütte, die 1926 zur Verpflegung der Wallfahrer errichtet wurde und seit 1969 von der Sektion Burrweiler des Pfälzerwaldvereins bewirtschaftet wird. Hinter der Hütte führt ein markierter Forstweg (weißer Punkt / weiße Raute mit rotem Reh) bergaufwärts Richtung „Dreimärker / Drei Buchen“. Nach einer Linkskehre auf der Bergschulter bringt uns der Weg – immer noch ansteigend – zu einer Kuppe. Hier folgen wir dem Schild „Wetterkreuz / Trifelsblick“, bis etwa 200 Meter weiter in einer leichten Wegkurve links ein Pfädchen abzweigt („Burri“-Markierung mit einer Schnecke / weiße Raute mit rotem Reh). Auf ihm geht es, wieder etwas steiler ansteigend, direkt zum Gipfel des Teufelsberg hoch, der mit Felsblöcken überlagert ist. Der Volkssage nach sind sie die Trümmer einer Residenz, die sich der Teufel auf diesem Berg bauen wollte. August Becker aber vermutet, dass unsere Urahnen hier den alte Schlachtengott Wotan verehrten, den die christlichen Mönche später mit dem Teufel gleichsetzten.

Wie dem auch sei: Tatsächlich braut sich hier oben an heißen Sommertagen so manches unheilvolle Gewitter zusammen, das wie Wotans Wildes Heer mit Sturm und Hagel die Weinstöcke tief unten zusammenzuschlagen droht. Und so steht auch schon von altersher auf der Kanzel des Teufelsbergs ein „Wetterkreuz“ – Ausdruck des Vertrauens auf Christus, der in seinem Tod und seiner Auferstehung alle feindlichen Kräfte besiegt hat. Das heutige Sandsteinkreuz – wohl drei Meter hoch und  in einem pyramidenförmigen Steinsockel verankert – wurde 1909 aufgestellt und von Bischof Konrad von Busch persönlich geweiht. Vor ihm lädt eine Sitzgruppe zum Verweilen ein, zumal sich hier oben ein schöner Ausblick auf die Rheinebene eröffnet.

Wir verlassen nun den Berggipfel Richtung Süden, dem Schild „Trifelsblickhütte“ folgend, die in einer guten Viertelstunde zu erreichen ist. Sie liegt, 530 Meter hoch, auf einem Südsporn des Teufelsberges und bietet eine prachtvolle Aussicht in den Wasgau hinein. Nach der Einkehr leitet uns die Weinsteig-Markierung (rot-weiße Wellenlinie) nach Osten bergabwärts. An den nächsten Wegkreuzungen, die einer großen  Wegschleife folgen, orientieren wir uns an den Wegschildern „Gleisweiler“ (nicht „Hainbachtal -Gleisweiler“!). Ein Pfad bringt uns so im Zickzack hinunter zur Privatklinik Bad Gleisweiler. Das 1844 nach den Plänen von Leo von Klenze errichtete klassizistische Haupthaus ist durchaus eine Sehenswürdigkeit – ebenso der öffentlich zugängliche Kurpark mit seinen riesigen Mammutbäumen! Von hier aus kommt man direkt in die Ortsmitte des idyllischen Winzerdorfes Gleisweiler, wo die schöne, dem heiligen Stefanus geweihte Rokokokirche auf unseren Besuch wartet. Nun an der Nordseite der Kirche vorbei durch die Kirchstraße bis zu einem Brunnen, wo wir in das Gässlein „Im Hinzloch“ einbiegen. Es mündet in einen Feldweg, der uns durch die Weinberge nach Burrweiler zurückbringt.

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Das Gnadenbild der Kapelle: Die heilige Mutter Anna mit Maria und dem Jesuskind („Annaselbtritt“). Die Figurengruppe stammt aus der Barockzeit.

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise:

Gesamtwegstrecke:
Knapp 8 Kilometer.

Die Kapelle ist sonn- und feiertags geöffnet, im Sommer von 11 bis 18 Uhr, im Winter von 12.30 bis 16 Uhr. Wallfahrtstage sind die Dienstage der Monate Juli und August.

Einkehrmöglichkeiten:
Öffnungszeiten der Annahütte: sonn- und feiertags und mittwochs ab 10 bis 18 Uhr.
Von Juli bis Oktober auch samstags;
Öffnungszeiten der Trifelsblickhütte: samstags, sonntags und feiertags von 9,30 Uhr bis 18 Uhr.

Download der Druckfassung (PDF)

Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

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