Eremitenklause und Wallfahrtstätte: Die Kolmerbergkapelle über Dörrenbach

Pilgern heißt, sich auf den Weg machen. Und es sind gerade die Fußwallfahrten – etwa nach Santiago de Compostela -, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Aber es müssen nicht immer die berühmten Wallfahrtsorte sein: Pilgerwege und Pilgerziele finden sich ebenso in der Pfalz, vor der Haustüre sozusagen. Auch wer „Unserer Lieben Frau vom Kolmerberg“ einen Besuch abstatten will, muss sich zu Fuß auf den Weg machen, und es geht nicht ohne ein paar Schweißtropfen. Obwohl nicht einmal 500 Meter Luftlinie vom Ortskern Dörrenbachs entfernt, gilt es doch gut 100 Höhenmeter auf schmalem Waldpfad zu steigen, um das Pilgerziel am Südhang des Kohlbrunnbergs zu erreichen.

Wer auf den von hohen Waldbäumen umsäumten Platz tritt, sieht auf den ersten Blick, dass viele Jahrhunderte an der Wallfahrtsstätte gebaut haben. Der älteste Teil ist der Chorraum. Von einem barocken Dachreiter überkrönt, nimmt er die Mitte des langgestreckten Baukomplexes ein. Wie die  gotischen Fenstern erkennen lassen, entstand er in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Doch ist das Heiligtum am Kolmerberg weitaus älter. Manche Autoren vermuten hier schon eine vorchristliche Kultstätte, vielleicht ein Quellheiligtum. Denn eine starke, heute verdeckte Quelle entspringt am westlichen Zugang zum Platz. Es ist durchaus denkbar, dass an dieser Stelle in fränkischer Zeit ein Eremit seine Klause, seine Cella baute – so wie im nordpfälzischen Zell oder im saarländischen St. Wendel. Darauf kann der ursprüngliche Name „Celborn“ verweisen, der im ältesten schriftlichen Zeugnis aus dem Jahr 1470 vermerkt ist. Und auch die Sage erzählt von einem frommen Klausner, der mit dem Wasser einem von Krankheit gequälten Rittersmann zur Heilung verhalf, woraufhin dieser der Gottesmutter aus Dank die Kapelle baute.

Im 15. Jahrhundert jedenfalls war die Maria Hilf-Kapelle schon eine vielbesuchte Wallfahrtstätte und hatte vermutlich einen eigenen Kaplan. Doch im Zuge der Reformation wurde 1531 die Kaplanei aufgelöst. Ihre Güter dienten nun dem Unterhalt der protestantischen Pfarrei Dörrenbach. Damit hörte auch die kirchliche Wallfahrt auf. Von alle Bildwerken geplündert, blieb die Kapelle geschlossen. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde sie bis auf den Chor abgerissen. Erst mehr als hundert Jahre später, im Jahr 1719, kam sie in den Besitz der Katholiken zurück. Und auch die Wallfahrt lebte wieder auf, nachdem eine unbekannte Person aufgrund eines Gelöbnisses ein Muttergottesbild in den Ruinen aufgestellt hatte – wohl das heute noch verehrte spätgotische Gnadenbild.

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Inmitten hoher Waldbäume: Die Kolmerbergkapelle vom Stäffelsbergturm aus

Nach und nach wurde die Kapelle wiederhergestellt und ein Langhaus angebaut. Erneut zogen  Einsiedler auf den Kolmerberg: Der erste, Bruder Franz Schallung, kam schon im Jahr 1719, den zweiten, Bruder Johannes Velben, vertrieb die Französische Revolution aus seine Zelle. 1794 wurde die Kirche verwüstet und das Bruderhäuschen niedergebrannt. Zum zweiten Mal kam die Wallfahrt völlig zum Erliegen. Doch wunderbarerweise entging das Gnadenbild der Zerstörung, man hatte es wohl vorsorglich versteckt.

An der Instandsetzung der Kapelle nach der Revolutionszeit hatte wieder ein Eremit großen Anteil: der Waldbruder Martin Schaaf. Er baute ab 1804 die Sakristei und das heute noch bestehende Wohngebäude an den Kapellenchor an, erweiterte das Langhaus und errichtete den Ölberg mit seinen lebensgroßen Figuren. Doch mehr und mehr erregte der Waldbruder durch seinen weniger frommen Lebenswandel Ärgernis. So wusste noch August Becker in seiner 1857 erschienenen Volkskunde „Die Pfalz und die Pfälzer“ von ihm zu schreiben: „Ein großer, stattlicher Mann in Oberländer Bauerntracht, – durchaus kein Askete. Man erzählte, er hätte in einer Krankheit das Gelübde getan, keinen Wein mehr zu trinken. Als er wieder gesund wurde, aß er den Wein mit dem Löffel.“ Schließlich brachte man ihn dazu, seine Wohnung bei der Kapelle aufzugeben.

Seither gibt es keinen Einsiedler mehr auf dem Kolmerberg. Doch ein beliebtes Pilgerziel blieb die Maria Hilf-Kapelle. Zwei Wallfahrtsfeste haben sich bis heute erhalten: Christi Himmelfahrt, das als Familienwallfahrt gestaltet ist, und die Wallfahrt zur „Kreuzerhöhung“. An den Sonntagen dazwischen findet immer um 16 Uhr ein Waldgottesdienst statt. (Außerhalb der Gottesdienste ist die Kapelle geschlossen.)

Und auch in die ehemalige Eremitenwohnung kehrt immer wieder Leben ein, wenn kleinere Gruppen sie als Übernachtungs- und Freizeitstätte nutzen.

Der Weg

Ein guter Ausgangspunkt für die Wanderung zur Kolmerbergkapelle ist der kleine Parkplatz rechts vor dem Ortseingang von Dörrenbach (am Freilichttheater). Von hier führt ein Pfad hinunter in das Tälchen, das auf das Dorf zu läuft. Am gegenüberliegenden Waldrand trifft man auf den von Bad Bergzabern kommenden Wanderweg (Markierung Grünes Dreieck), der auch Teil des Pfälzer Weinsteiges ist (rot-weiße Markierung). In nur wenigen Minuten wird das Winzer- und Urlaubsdorf erreicht, das mit seinen idyllischen Fachwerkhäusern zu den beliebtesten Ausflugszielen an der Weinstraße zählt. Eine ganz besondere Attraktion ist die mittelalterliche Wehrkirche in der Ortsmitte mit ihren Schutzmauern und Türmen. In ihrem Inneren weist sie sogar spätmittelalterliche Wandmalereien auf, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts wieder aufgedeckt wurden.

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Evangelistensymbol in der Kirche von Dörrenbach

Direkt hinter der Kirche zeigt eine geschnitzte Bildtafel den Weg zur Kolmerbergkapelle. Eine Treppenanlage führt an der Wehrmauer vorbei und durch Gärten zur Schule. Immer dem Schild „Kapelle“ folgend (weiterhin Wegmarkierung Grünes Dreieck und Weinsteig) geht es durch die Schulstraße zum Waldrand und in ständigem Anstieg quer durch den Wald zur Wallfahrtsstätte hoch. Nach einer guten Viertelstunde ist das Ziel erreicht: der von 13 Kreuzwegstationen mit einer großen Kreuzigungsgruppe umstandene Kapellenkomplex.

Wer nicht auf demselben Weg zurückgehen will, kann nun noch die Tour mit einem Abstecher zum etwas mehr als ein Kilometer entfernten Stäffelsbergturm verbinden. Er ist einer der prächtigsten Aussichtstürme im Pfälzer Wald. Man folgt dazu weiter den bisherigen Markierungen (Grünes Dreieck und Weinsteig) und umrundet  so auf zunächst recht bequemem Weg den Talkessel, in dem Dörrenbach liegt. Gleich hinter der großen Wegespinne (eine Sandsteinstele trägt den Namen „Am Bild“) treffen wir auf den Dörrenbacher „Gebrüder Grimm Märchenweg“, der phantasievoll einige Grimm’sche Märchen figürlich in Szene setzt – an dieser Stelle die Sterntaler-Geschichte. Hier zweigt der Wanderpfad ab zum 481 Meter hohen Stäffelsberg. Unterhalb des Gipfels, in einem alten Steinbruch, trifft man auf das Hexenhäuschen mit Hänsel und Gretel im Käfig, etwas weiter oben auf den Goldesel aus dem „Tischlein deck Dich“-Märchen. Außerdem finden sich in den Bäumen Skulpturen der Kunstschule „Villa Wieser“ (Herxheim), die im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz 2011 gestaltet wurden. Nur noch wenige Meter sind es jetzt zur Kuppe des Stäffelsberges, auf dem der 21 Meter hohe Betonturm thront. Er ist eine grandiose Aussichtskanzel, die eine herrliche Rundsicht über den Wasgau und die Rheinebene freigibt.  Auch hier erwartet die Wanderer eine Kunstinstallation: Seit der letzten Turmsanierung 2010 schmückt die Außenseite eine riesige Rosengirlande aus mit Goldstaub patiniertem Stahl, die der  Künstler Karlheinz Zwick gestaltet hat – eine „poetische Hommage an das Dornröschendorf Dörrenbach“.

Wir verlassen die Bergkuppe mit den gleichen Markierungen Richtung Südwesten. Nach 500 Metern erwartet uns Rapunzel, die aus einem Baumstumpf-Turm das Haar herablässt. An der nächsten Wegverzweigung biegen wir mit dem Dornröschen-Rundwanderweg links ab. Nach etwa 700 Metern stößt man auf einen kleinen Waldparkplatz mit Schneewittchen vor dem Zwergenhaus. (Wer den anfangs beschriebenen steilen Anstieg scheut, kann auch von hier aus auf ebenem Weg die Kolmerbergkapelle erreichen.) Ein schmales Fahrsträßchen (Markierung Nr. 14) führt  in einer viertel Stunde in die Ortsmitte zurück, wo mehrere Gaststätten und Weinstuben auf eine Einkehr warten.

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Dornröschendorf Dörrenbach

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise:

Gesamtwegstrecke:
Knapp sechs Kilometer. In Verbindung mit dem Märchenweg (mit „Märchenweg-Preisrätsel“!) ist die Wanderung auch für Kinder sehr attraktiv.

Kolmerbergkapelle: http://www.kath-kirche-am-viehstrich.de/Doerrenbach/Geschichte/Kolmerberg.htm

Gebrüder Grimm Märchenweg:
http://www.doerrenbach.de/tourismus/wandern/maerchenweg.php

Einkehrmöglichkeiten:
Siehe das Gaststättenverzeichnis auf http://www.doerrenbach.de/gastro/index.php

Download der Druckfassung (PDF)
Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

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