Gesetzt zur Sühne für eine Bluttat: Ein Steinkreuz bei Dernbach erinnert an die mittelalterliche Sühnepraxis

Zu den ältesten Kultmalen unserer Heimat zählen die niedrigen Steinkreuze. Geduckt und unscheinbar stehen sie am Rand uralter, heute bedeutungslos gewordener Verkehrswege,  in Fluren und Weinbergen, oder ganz versteckt und vergessen im Wald. Dunkle Geschichten ranken sich manchmal um sie, Erzählungen von tragischen Unglücksfällen und schlimmen Untaten. Meist aber ist die wirkliche Ursache ihrer Errichtung vergessen. Ob sie als schlichtes Grenzzeichen oder Wegweiser dienten, ob sie Mahn- und Gedächtnismal oder gar Beschwörungszeichen gegen böse Mächte waren – darüber deckt sich der Schleier der Jahrhunderte.

Gewiss aber darf ein großer Teil der alten Steinkreuze als Sühnezeichen gedeutet werden. Für das mittelalterliche Rechtswesen gehörte die Aufstellung eines Kreuzes zu den üblichen Bußleistungen nach einer Bluttat. Dies bestätigt ein Sühnevertrag aus dem 14. Jahrhundert, den der Heimatforscher Fred Weinmann ausfindig gemacht hat. Bei einer Fehde zwischen Graf Heinrich II. von Sponheim und Philipp, dem Herrn von Bolanden, waren im Jahr 1368 zwei leibeigene Bauern des Grafen erschlagen worden. „Zum Seelenheil der Erschlagenen, zu Gottes Lob und zur Besserung“ musste dann der Bolander urkundlich folgende Sühneleistung versprechen: Zwei Wallfahrten nach Rom und Aachen, ein Bußgeld von 72 kölnischen Pfennigen, 60 Pfund Wachs, zwei ewige Lichter oder zehn Pfund Heller für jedes, 20 Pfund Heller für eine „ewige Messe“ für die Toten, zu halten am Ort des Begräbnisses, sowie zwei steinerne Kruzifixe, aufzurichten wo die „armen Manne“ erschlagen wurden, und 40 Pfund Heller für jede Partei der Hinterbliebenen. – Nicht allein um Buße und Strafe für den Täter ging es also, sondern ebenso um das Seelenheil der Erschlagenen; und dem diente neben den Seelenmessen auch das Gedenkkreuz, das zum Gebet für die Opfer mahnte.

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Mit den Spuren der Jahrhunderte: Das Dernbacher Sühnekreuz

Zu den Sühnekreuzen wird auch ein mindestens 500 Jahre altes Sandsteinkreuz bei dem südpfälzischen Dorf Dernbach gerechnet. Wenig auffällig steht es am Rand eines kleinen Parkstreifens, kaum hundert Meter hinter dem nördlichen Ortsausgang. Es ist nicht sein angestammter Platz. 2002 wurde das Kreuz von der gegenüberliegenden Straßenböschung hierher versetzt. Eine unlängst entdeckte kolorierte Federzeichnung aus dem Jahr 1564 zeigt aber, dass es schon damals am Weg nach Ramberg stand, ganz in der Nähe des Gerichtsplatzes und des Galgens der beiden Dörfer. Es ist ein lateinisches Kreuz, 1.20 Meter hoch und 75 Zentimeter breit. In die Rückseite ist eine Pflugschar eingeritzt. Der Volksmund gab ihm deshalb den Namen „Scharkreuz“, woraus ein „Scharrkreuz“ wurde, vielleicht in der Meinung, dass unter ihm ein Toter in ungeweihter Erde „verscharrt“ worden sei.

Andere Überlieferungen bringen das Kreuz in Beziehung zu einer Gewalttat: So soll es an den erbitterten Streit zweier Bauern erinnern, von denen der eine seinen sensenbewehrten Gegner mit der Pflugschar erschlug. Nach einem anderen Bericht wurde auf dem Acker ein Geistlicher mit dem Spaten erschlagen. Und eine dritte Version will wissen, dass hier ein Mönch des nahen Klosters Eußerthal im Streit mit den Herren der Burg Scharfeneck umgebracht wurde. Historische Belege gibt es für keine der Geschichten. Doch unwahrscheinlich ist es nicht, dass das Dernbacher Steinkreuz zur Sühne für eine Bluttat gesetzt wurde. Und so mahnt es auch heute noch die Vorübergehenden zu einem Gebet für die unzähligen Opfer von Verbrechen und Gewalt, deren Namen längst vergessen sind.

Der Weg

Ausgangspunkt unserer Wanderung, die noch zu zwei herausragenden Aussichtspunkten führt, ist der Waldparkplatz „Drei Buchen“ auf dem Sattel zwischen dem Modenbachtal und dem Ramberger Tal. Wir folgen der Markierung „schwarzer Punkt in weißem Rechteck“ und der der rot-weißen Welle des „Weinsteigs“ Richtung „Neuscharfeneck“. Auf einem zunächst bequemem Forstweg erreichen wir nach etwa einem Kilometer einen Rastplatz mit schönem Ausblick auf die Burg, die sich auf einem langen Felssporn ins Ramberger Tal hineinschiebt. 100 Meter weiter zweigt links ein Pfad ab, der uns nach einem weiteren Kilometer direkt vor die Schildmauer der imposanten Ruine bringt. Man muss zur Westseite queren, um durch die Toranlage in ihr Inneres zu gelangen, wo Infotafeln des Scharfeneck-Vereins sehr anschaulich die Funktion der einzelnen Bauteile erklären. Den Aufstieg über die steile Treppe auf die Schildmauer hoch belohnt eine wunderbare Aussicht in den Wasgau und zur gegenüberliegenden Ruine Ramberg.

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Ruine Neuscharfeneck

Von der Burg bringt uns der Weg schnell hinunter zur vielbesuchten Landauer Hütte des Pfälzerwaldvereins auf dem Zimmerplatz. Von hier lohnt sich ein Aufstieg zum südlich liegenden Orensberg. Der Pfad (immer noch die bisherige Markierung) steigt zunächst etwas stärker an und führt dann über den ehemaligen Ringwall einer frühgeschichtlichen Bergfestung und vorbei an einem Gleitschirm-Startplatz zum 564 Meter hohen Orensfelsen. Steil über dem Queichtal aufragend, ist er erneut ein erstrangiger Aussichtspunkt: Das ganze Trifels-Land liegt uns hier zu Füßen und bei klarem Wetter geht der Blick über die Rheinebene bis zum Schwarzwald hinüber. Man kann nun den Berg umrunden, oder auf demselben Weg wieder zur Hütte zurückkehren (insgesamt etwa 2,5 Kilometer). Vom Zimmerplatz  leitet uns dann die rot-weiße Markierung westwärts bergab, Richtung Dernbach. Am Dernbacher Haus, einer weiteren Einkehrmöglichkeit, mündet der Weg in ein betoniertes Fahrsträßchen, das im Tal auf die nach Ramberg führende Autostraße stößt. Und hier, direkt hinter dem rechtsseitig beginnenden Parkstreifen und neben einem kleinen Bachlauf, erhebt sich vor dem Hang unser Sühnekreuz.

Von hier aus sollte man nicht den kleinen Abstecher ins Dorf Dernbach versäumen, wo in der katholischen Dreifaltigkeitskirche (sie war ehedem St. Jodok, dem Schutzheiligen gegen die Pest geweiht) eine kunsthistorische Attraktion auf uns wartet: ein um das Jahr 1330 entstandener Freskenzyklus, der dem Betrachter das Abendmahl, den Marientod und das Jüngste Gericht vor Augen stellt.

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Der „Marientod“ in der Kirche von Dernbach

Zurück am Sühnekreuz folgen wir dem Feldweg am Ende des Parkplatzes hoch zur imposanten Lourdesgrotte (Markierung D2). Sie wurde 1932 eingeweiht, nachdem die Dernbacher Frauen im Ersten Weltkrieg ihre Errichtung für die glückliche Heimkehr ihrer Männer gelobt hatten. Auf dem weiter waldeinwärts führenden Weg gehen wir nun auf das Dorf Ramberg zu. Nach 500 Metern kreuzt ein von oben kommender Pfad (Schild: „Dreiburgenweg“), der uns direkt in den Ort und zur Kirche St. Laurentius bringt. An der Gaststätte „Zum goldenen Lamm“ weist ein Schild den Rückweg zum Ramberger Waldhaus und zu den Drei Buchen (Markierung: roter Punkt und teilweise wieder Weinsteig). An alten Streuobstwiesen vorbei und dann steiler durch den Wald, erreichen wir so nach etwa zwei Kilometern wieder den Parkplatz.

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Die Kirche von Dernbach

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise

Gesamtwegstrecke:
13 Kilometer, ohne den Abstecher zum Orensberg sind es 10 Kilometer.

Einkehrmöglichkeiten:
Öffnungszeiten der Landauer Hütte: in den Sommerferien täglich (außer freitags), sonst samstags, sonntags und (Mai bis Oktober) mittwochs (http://www.pwv-landau.de/landauer-huette.html);
Öffnungszeiten des Dernbacher Hauses: täglich außer montags (http://www.dernbacher-haus.de/);
Öffnungszeiten des Ramberger Waldhauses: mittwochs bis sonntags (http://dreibuchen-ramberg.de/);

Download der Druckfassung (PDF)

Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

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