„Nicht der Drache sei mir Führer!“ Unterwegs zu den Kreuzen über Hambach

Wetterkreuzen begegnet man in der Pfalz vor allem am Haardtrand. Und das mit gutem Grund. Hier, wo die Höhenzüge des Pfälzerwaldes jäh zum Rheingraben hin abbrechen, drohen besonders häufig Unwetter. So weiß man nicht erst seit dem Klimawandel unserer Tage von verheerenden Unwetterkatastrophen an der Weinstraße zu berichten, die in kürzester Zeit die Ernte eines ganzen Jahres vernichteten. Am 8. Juni 1834 zum Beispiel entluden sich einer Zeitungsmeldung zufolge über dem Weinbiet „nach einem heftigen Donnerschlage, der die ganze Umgegend zittern machte“, vier einander nachfolgende Gewitter, „und sendeten in die acht von dieser Kuppe auslaufenden Thäler solche Ströme, dass Felsblöcke von 100 Zentner Schwere auf Viertelstunden-Weite fortgeschleudert, Bäume aus der Wurzel gerissen, Häuser zertrümmert und weggeschwemmt, Weinberge und Äcker haushoch ausgewühlt, kurz im Zeitraum einer halben Stunde solche Verwüstungen angerichtet wurden, wie sich die ältesten Bewohner der Gegend keiner ähnlichen erinnern.“

In früheren Zeiten sah man in solchen Heimsuchungen, die Haus, Hof, Ernte und sogar das Leben gefährdeten, das Werk höherer, missgünstiger Mächte. Schon unsere heidnischen Vorfahren feierten deshalb auf den Berghöhen Opferfeste, um den Wettergott Donar mild zu stimmen. Auch der Donnersberg verdankt ihm vielleicht seinen Namen. Im Mittelalter setzte dann die Kirche gegen heidnische Praktiken und Wetterzauber ihre eigenen Riten, wie wir sie als Wettersegen, Wetterläuten, Flurprozessionen oder Kräuterweihe heute noch kennen. Ebenso hat das Errichten von Wetter- und Flurkreuzen hier seinen Ursprung. Magisches Denken war aber damit immer noch verbunden: Das Zeichen der Erlösung, die Kraft des Kreuzes Christi sollte alle feindlichen Geister bannen, denen man die Wetterschäden zuschrieb. Hatte doch auch Thomas von Aquin gelehrt, dass Unwetter mit Gottes Zulassung durch Dämonenhilfe zustande kämen.

Zwei solcher Wetterkreuze aus früheren Tagen findet man auf dem Heidelberg hoch über Hambach. Sie stehen nicht nur relativ nahe beieinander, sondern sind auch fast zur gleichen Zeit errichtet worden. Damals zogen sich wohl noch die Weinberge bis hier hoch. Heute ist der Hügel ganz von lichtem Kieferwald überwachsen, und man muss die Kultmale etwas suchen. Das ältere Kreuz auf der Nordkuppe, zu dem noch heute an den Bitttagen vor Christi Himmelfahrt eine Prozession führt, ist ein einfaches Steinkreuz mit einer leeren Bildnische im Längsbalken. Im quaderförmigen Sockel findet sich die Jahreszahl 1712 , darunter sind acht Monogrammzeilen eingemeißelt – wohl die Anfangsbuchstaben von Gebets- oder Segensformeln, die böses Wetter abwehren sollten.

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Sockel des Wetterkreuzes auf der Nordkuppe

Größer und auffälliger gestaltet ist das zweite Kultmal am Osthang der südlichen Kuppe: Aus einem Tischsockel wächst ein vier Meter hohes Doppelkreuz (auch Patriarchenkreuz genannt), dessen drei Balken kleeblattförmig auslaufen. Diese Form ist sehr alt und kam aus dem byzantinischen Kulturkreis in den Westen. Der zusätzliche, kleinere Querbalken stellte ursprünglich die Tafel mit der Kreuzesinschrift (Jesus von Nazareth, König der Juden) dar. In der Barockzeit gehörten Doppelkreuze zu den meistverbreiteten Schutzamuletten. So wurden sie, vor allem in Süddeutschland, zur Abwehr von Schadensgeistern der Lüfte auch auf die  Kirchturmspitzen gesetzt.

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Das Wetterkreuz mit dem Benediktussegen

Dass auch die Hambacher Winzer  im Jahr 1717 in dieser Absicht ihr Kreuz auf den Heidelberg gestellt haben, geht aus der Inschrift hervor, die im Gegensatz zum Nachbarkreuz leicht zu deuten ist. Es ist der „Benediktussegen„, der seit dem späten Mittelalter als Schutz gegen böse Geister und alle Alltagsgefahren wie Blitz, Hagelschlag, Fieber oder Pest ungeheuer populär war. Die obersten und untersten Buchstaben CSPB stehen für die Worte „Crux Sancti Patris Benedicti“  (Kreuz des heiligen Vaters Benedikt), die von oben nach unten verlaufende Folge CSSML für den Spruch „Crux sacra sit mihi lux“ (Das heilige Kreuz sei mein Licht) und das NDSMD des Mittelbalkens für die Beschwörung „non draco sit mihi dux“ (Nicht der Drache sei mir Führer).

Diese letzte Warnung könnte auch auf dem dritten Kreuz, das über Hambach steht, seinen Platz haben: Gemeint ist das „Sühnekreuz“, das von einem 480 Meter hohen Vorsprung des Rittersberges weit in die Rheinebene hinausschaut. Der Drache, den es zu bannen sucht, war menschlicher Gestalt: Adolf Hitler, der mit seinem mörderischen Krieg und seinem Rassenwahn millionenfachen Tod über die Welt gebracht hatte. Am 20. April 1947, an „Führers Geburtstag“ und zwei Jahre nach Kriegsende, schleppten 800 katholische junge Männer des Bistums Speyer schwere Eichenbalken den Ritterberg hoch, um hier ein zwölf Meter hohes Kreuz aufzustellen. Viele von ihnen waren selbst Soldaten gewesen und gerade erst aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Sie waren sich der Schuld bewusst, in die ein verbrecherisches Regime sie verstrickt hatte. Und so taten sie, was für Christen einzig möglich ist: sie stellten sich mit ihr vor Gott. „Zur Sühne für unsere Schuld vor Gott“, war auf dem ersten und ist auch wieder auf dem 1981 erneuerten Kreuzesbalken eingeschnitzt  – eine eindrückliche Mahnung an alle weiteren Generationen.

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Blick vom Sühnekreuz zum Hambacher Schloss

Der Weg

Ausgangspunkt unserer Wanderung ist die Kreuzung am oberen Ortsrand von Hambach unterhalb des Heidelbergs. Mit dem Auto fährt man am besten von der B39 (Weinstraße) nach Hambach hinein und die gut ausgeschilderte Straße zum Hambacher Schloss hoch. Hinter der Kuppe, nach dem gebührenpflichtigen Parkstreifen, kann man am Straßenrand das Auto abstellen (ab dem Parkschild Naturpark Pfälzerwald). Von hier zur Kreuzung am Ortsrand, und dort nach rechts in das „Forstacker“-Sträßchen, das bald in einen Waldweg übergeht. Nach 150 Metern verzweigt sich der Weg, wir wenden uns nach links zum Sattel zwischen den beiden Kuppen des Heidelbergs. Hier wieder nach links zur Nordkuppe. An der nächsten Verzweigung erneut links einbiegen, wo uns schon nach 20 Metern das erste Wetterkreuz aus dem Jahr 1712 entgegenleuchtet.

Um zum zweiten Kreuz zu gelangen, gehen wir zur Senke zurück und die südliche Anhöhe hoch. Kurz vor der Kuppe biegt man vor einem Hochsitz links ab und quert auf einer Pfadspur zum Osthang, wo hinter einer wallartigen Erderhebung aus einer kleinen Mulde das Doppelkreuz hochragt. Als es noch frei über den Weinbergen stand, muss der Ausblick von hier großartig gewesen sein; eine Lücke im Kieferwald vermittelt noch jetzt eine Ahnung davon. Der Wall, an dessen Fuß das Kreuz errichtet wurde, gehört zu einem früheren Befestigungsring aus dem Spanischen Erbfolgekrieg. Sein Verlauf lässt sich noch heute fast um den ganzen Berg verfolgen. Er war Teil eines Schanzwerks, das bis zum Rhein verlief: der Speyerbach-Linie. Johann Wilhelm, Kurfürst von der Pfalz, ließ sie 1701 aufwerfen, um die Belagerung der damals französischen Festung Landau von Norden her zu sichern. Auf dem Ringwall gehen wir nun nach Süden bis zur Südspitze des Berges, wo – das Hambacher Schloss vor Augen – eine Ruhebank zur Rast einlädt. Eine Pfadspur führt direkt über die Kuppe  zur Senke, und von dort zur Forstackerstraße zurück.

An der Kreuzung folgen wir wieder kurz der Straße zum Schloss, biegen aber nach 20 Metern in den rechts abgehenden Pfad. Auf ihm recht steil in die Höhe zu einem mit rotem Balken markierten Wanderweg. Wir wenden uns nach rechts und queren nordwärts den Waldhang über Hambach, bis 200 Meter nach der zweiten Einbuchtung (in ihr kommt von unten ein Treppenweg hoch) links ein Pfad abgeht. Er steigt – bald einen Waldweg querend – im Zickzack den Hang hoch und trifft auf  einen Wanderweg mit rotem Punkt. Dieser führt uns aufwärts zum Speierheld-Sattel mit seiner Schutzhütte. Hier folgen wir dem bequemen Waldweg Richtung „Hohe Loog Hütte – Kühungerquelle“, der hübsche Ausblicke ins Neustadter Tal gewährt. Auch an der Quelle bleiben wir auf dem Weg und erreichen so nach weiteren 500 Metern den „Bildbaum“-Platz. Er hat seinen Namen von einem alten Bildstock, der an einem Baumstamm angebracht ist. Das schöne Bildnis der Madonna mit dem Kind wurde erst 1999 von der Hambacher Ortsgruppe des Pfälzerwaldvereins erneuert.

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Der Bildbaum vor der Hohen Loog

Ein Schild weist den Weg zum nur noch 400 Meter entfernten Pfälzerwaldvereinshaus unter dem Gipfel der Hohen Loog. Die Hütte auf fast 620 Meter Höhe ist ein äußerst beliebtes Wanderziel, und von der Terrasse hat man einen unvergleichlichen Blick zur direkt gegenüber liegenden Kalmit, dem höchsten Gipfel der Haardt. Vom Hohe Loog Haus folgen wir der Weinsteigmarkierung (rot-weiße Welle) ostwärts, biegen mit ihr nach zweihundert Metern rechts in den Pfad (mit den Nummern 5 und 6), auf dem uns bald auch ein Schild geradewegs zum östlichen Vorsprung des 531 Meter hohen Rittersberges mit dem „Sühnekreuz“ leitet. Hier, vom gemauerten Altar unter dem hochragenden Kreuz aus, bietet sich noch einmal ein umfassendes Panorama: das Hambacher Schloss direkt zu Füßen, sieht man über die Kirchtürme der Ebene hinweg bis zu den Höhenzügen von Odenwald und Schwarzwald. Für den Abstieg kehren wir ein kleines Stück zurück und gehen dann nach rechts den Zickzackpfad durch den Osthang des Rittersberges zur Straße und zum Schloss hinunter.

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise

Gesamtwegstrecke:
Die Wegstrecke der Wanderung beträgt knapp zehn Kilometer, weist aber einige steile Partien auf. Wer dies scheut, kann sich auf den reizvollen Spaziergang zu den beiden Wetterkreuzen beschränken.

Einkehrmöglichkeiten:
Öffnungszeiten des Hohe Loog Hauses: mittwochs, samstags, sonn-  und feiertags. Während der Sommer- und Herbstferien ist täglich geöffnet (http://www.pwv-hambach.de/index.php/hohe-loog-haus).

Weitere Sehenswürdigkeiten:

Nachdem man Hambach Richtung Weinstraße verlassen hat, sollte man an der Einmündung des Horstweges noch einmal stoppen. Hier steht direkt an der Straße ein sehr gut erhaltener spätgotischer Bildstock. Der Schaft trägt ein  großes Wappenschild mit dem Kreuz des Hochstiftes Speyer. Das Bildnis im Gehäuse unter dem Dreiecksgiebel ist eine (1946 eingefügte) Reliefkopie der „Hallgartner Madonna“. Das Original dieser „Traubenmadonna“ aus dem Rheingau zählt zu den schönsten Tonplastik-Schöpfungen des Mittelalters.

Download der Druckfassung (PDF)

Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

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