St. Gertraud lädt ein zu Rast und Herberge: Die Gertraud-Kapelle bei Busenberg und Erlenbach

Recht still ist es geworden um die St. Gertraud-Kapelle zwischen Erlenbach und Busenberg. Rings vom Wald umsäumt, liegt sie in einem idyllischen Wiesengrund, kaum 50 Meter unterhalb der nach Bad Bergzabern führenden Bundesstraße. Meist sind es nur noch Wanderer und Feriengäste, die auf ihrem Weg durch die schöne Wasgaulandschaft kurze Rast an dem kleinen Heiligtum einlegen. Da passt es auch, dass die heilige Äbtissin Gertrud, der das Kapellchen geweiht ist, im Mittelalter als Patronin der Reisenden verehrt wurde. Kaum jemandem jedoch ist noch in lebendiger Erinnerung, dass dieser Ort bis weit ins letzte Jahrhundert hinein ein beliebtes Wallfahrtsziel war: Vor allem am Gertrud-Tag (17. März), am Fest Christi Himmelfahrt oder am Dreifaltigkeitssonntag zog die Landbevölkerung aus dem Dahner Tal und dem nahen Elsass hierher, um den Segen für ihre Arbeit und für die Feldfrüchte zu erbitten. Denn die Heilige, die in merowingischer Zeit – im 7. Jahrhundert – als erste Äbtissin das Kloster Nivelles bei Brüssel leitete, gilt auch als Schutzpatronin der Gärtner.

Doch wie schon gesagt: Noch mehr wurde Gertrud, die selbst eines der ersten Pilgerhospize bauen ließ, als „Schutzherrin der Landstraße“ und Patronin der Reisenden und Pilger verehrt. Das könnte ein Hinweis sein, dass die Kapelle schon in ihrer Entstehungszeit an einem Pilgerweg lag. Heute jedenfalls führt der erst vor wenigen Jahren rekonstruierte Pfälzer Jakobsweg nah vorbei – wie auch an der dem heiligen Jakobus geweihten Kirche von Busenberg. Erste historische Informationen über die Kapelle verdanken wir aber keinen Pilgerberichten, sondern einem Streit um die Besitzrechte, den 1548 der Graf von Leiningen und Junker Eckprecht von Dürkheim auf der Falkenburg miteinander ausfochten. Dabei nahm man seitens der Leininger, die Herren über die Pfarrstelle Vorderweidenthal waren, die Kapelle mit ihren Einnahmen für sich in Anspruch. Eckprecht aber, der auf der Burg Lindelbrunn saß, machte geltend, „dass die Kapelle St. Gertraud auf seinem Grund und Boden gelegen und von seinen Eltern nämlich dem ‚Schwartzen Hertwig‘ gestiftet worden sei, dass ein Bruder da gesessen, der den Eltern des Junkers und diesem selbst dienen und fronen musste und dass die Kapelle von seinen Kirchgeschwornen zu Busenberg versehen wurde, bis im Bauernkriege die Kirchgeschwornen zu Weidentall sich ihrer bemächtigten.“ (Glasschröder, Urkunden zur Pfälzischen Kirchengeschichte im Mittelalter.)

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Das Wandbild der Patronin

Das damalige Bauwerk ist in den Wirren der Zeit wohl untergegangen. Denn baugeschichtlich wird die jetzige Kapelle dem 18. Jahrhundert zugeschrieben – auch wenn über dem Rundbogenportal das Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung, 1548, eingemeißelt wurde. Dem bescheidenen Kirchlein, einem Quadrat von etwa sechs auf sechs Metern, ist eine Vorhalle mit etwas niedrigerem Walmdach vorgelagert. (Bis zur Renovierung im Jahr 1954 war auch sie ein geschlossener Raum.) Anrührend der Blick durch die beiden kleinen Guckfenster der Westseite in den Kapellenraum: Ein großes, aus neuerer Zeit stammendes Wandbild, das in der Breite die ganze Chorwand einnimmt, zeigt die Patronin der Kirche, Gertrud, schwebend über der lieblichen Wasgaulandschaft mit Burg Berwartstein in der Mitte. Den Abtsstab in der Hand segnet sie Mensch, Tier und Flur – gemäß dem alten Spruch:

Sankt Gertraud
führt die Kuh zum Kraut,
das Ross zum Zug,
die Bienen zum Flug.

Der Weg

St. Gertraud ist heute ein verstecktes Heiligtum. Obwohl die Straße so nahe vorbeiführt, lässt sie sich nur zu Fuß erreichen, am schnellsten von Erlenbach aus. Etwas mehr als ein Kilometer sind dabei zu gehen. Um aber auch die herrliche Wasgaulandschaft genießen zu können, wählen wir als Ausgangspunkt für unsere Wanderung den Waldparkplatz oberhalb des Weißensteinerhofes zwischen Busenberg und Erlenbach. Man erreicht ihn über das Sträßchen, das von der Bundesstraße 427 (von Bad Bergzabern kommend nach links) zu dem Aussiedlerhof mit Gastwirtschaft abzweigt. Nach weiteren 150 Metern liegt linksseitig der Wald-Parkplatz. Vom Ostende des Parkplatzes aus folgen wir dem Rundwanderweg 5  durch Wald und Wiesen bis zum Einschnitt eines Wiesentälchens, in dessen Grund nach rechts ein Pfädchen hinabführt. Schon nach 100 Metern stehen wir am Ziel: Sankt Gertrud lädt ein zu Rast und Herberge. (Wegstrecke bis hierher: rund 1,5 Kilometer.)

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Burg Berwartstein

Zur Fortsetzung der Wanderung bleiben wir auf dem Pfad, der uns an einem Fischweiher vorbei nach dreihundert Metern an eine Weggabelung bringt. Hier folgen wir der Ausschilderung nach Erlenbach und zum Berwartstein. Wir durchqueren fast das ganze Dorf, bis rechts ein mit roter Raute und gelbem Balken markierter Wanderweg Richtung Drachenfelshütte und Busenberg abzweigt. Er führt hoch in den Wald, gibt aber zuvor einen prächtigen Blick auf die Ende des 19. Jahrhunderts wiederaufgebaute Burg Berwartstein über der anderen Talseite frei.

Bevor die Anhöhe erreicht ist, rechts im Wald ein weiteres verstecktes Kulturdenkmal: ein mannshohes Sandsteinkreuz, wohl aus der Barockzeit, dessen Inschrift auf dem geschwungenen Sockel kaum mehr zu entziffern ist. Bei der nächsten Wegverzweigung folgen wir weiter der roten Raute. Die imposante Felsnase des fast 60 Meter hohen Heidenbergpfeilers zur Rechten, erreichen wir – kurz vor einer hölzernen Schutzhütte – eine Wegspinne. Hier zweigt der Rundwanderweg 4 (auch „Bärensteig“) zur Drachenfelshütte ab. (Wer ausreichend Zeit hat, kann zuvor von der Schutzhütte aus noch leicht den Jüngstberg mit seiner schönen, 491 Meter hohen Aussichtskanzel besteigen.) Immer der „4„ folgend, gelangen wir nach eineinhalb Kilometer Wegstrecke zur Pfälzerwaldvereinshütte am Fuß der malerischen Ruine Drachenfels. Da die Felsenburg – eine der charakteristischsten ihrer Art – in nur einer viertel Stunde zu erreichen ist, sollte man eine Besichtigung nicht versäumen. 150 Meter lang ist das Buntsandstein-Riff , auf dem einst – bis zur Zerstörung im Jahr 1523 – die Gebäude thronten. Den Aufstieg durch in Fels gehauene Gänge, über Treppen und Leitern zur Oberburg lohnt ein wunderschöner Rundblick über das Dahner Felsenland. Nach der verdienten Einkehr in der Drachenfelshütte ist man – dem gelben Balken folgend – nach einem knappen Kilometer wieder am Parkplatz.

Einen nachdenklichen Schlusspunkt zu unserer Tour kann der Besuch des alten jüdischen Friedhofs von Busenberg setzen. Er liegt nördlich der Einmündung des Fahrweges in die Bundesstraße und ist vom Parkstreifen links vor der Kreuzung mit wenigen Schritten zu erreichen.

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Der jüdische Friedhof von Busenberg – im Hintergrund die Ruine Drachenfels

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise:

Gesamtwegstrecke:
Rund acht Kilometer.

Einkehrmöglichkeiten:
Öffnungszeiten der Drachenfelshütte:  mittwochs und samstags ab 11 Uhr, sonn- und feiertags ab 9 Uhr;
Öffnungszeiten des Weißensteiner Hofs: täglich außer montags; an Freitagen von Mai bis November nur über Mittag.
(http://www.busenberg.de/cms/index.php/gastronomie)

Download der Druckfassung (PDF)

Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

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