Unter dem Schutz der Evangelisten: Das alte Wetterkreuz über Wachenheim

Die Stürme der Zeit haben ihm schwer zugesetzt, dem Wetterkreuz über Wachenheim. Das fast zweieinhalb Meter hohe Monument, das sich in einem Kastanienwäldchen östlich des Mundhardter Hofes versteckt, ist das älteste erhaltene Wetterkreuz am Haardtrand. Doch Bittprozessionen führen bereits seit hundert Jahren nicht mehr zu ihm herauf; im Kriegsjahr 1915 soll hier zum letzten Mal der Wettersegen gesungen worden sein. Und sein Untergang schien schon besiegelt, als es in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 von einem verirrten Bombensplitter getroffen wurde, der den oberen Teil des Kreuzes mit dem Querbalken in Stücke riss.

Dass es nicht dabei blieb, ist dem „Drachenfels-Club Bad Dürkheim“ zu verdanken, der sich die Erhaltung historischer Baudenkmäler zur Aufgabe gestellt hat. Schon einmal,1906, hatte er die Anlage wiederhergerichtet; nun, 1952, ließ er die zerstörten Teile des Kreuzes durch eine detailgetreue Nachbildung ersetzen. Die zertrümmerten Stücke kamen zunächst ins Heimatmuseum Bad Dürkheim, wurden 1991 aber  an der Michaelskapelle über Bad Dürkheim zu einem neuen Kreuz zusammengefügt. So ist das Original heute auf zwei Standorte verteilt.

Ganze fünf Jahrhunderte sind über das „wetter Crutz“, wie es eine Urkunde von 1522 bezeichnet, hinweggegangen. Die in den Längsbalken eingemeißelte Jahreszahl verrät, dass es im Jahr 1513 von den Wachenheimer Winzern  aufgestellt wurde. Damals stand es wohl noch frei und weithin sichtbar über den Rebhängen: Soweit diese Kreuze zu sehen waren, so glaubte und hoffte der mittelalterliche Mensch, konnten Blitz und Hagel ihm nichts anhaben, blieben Haus und Ernte geschützt. Schrieb man doch die verhängnisvollen Unwetter den dämonischen Mächten zu, und diese konnten nur durch die Macht Gottes, mit den Zeichen und Symbolen des Glaubens gebannt werden. Dazu gehörten auch besondere Segensformeln und geheiligte Worte, die alles Böse fernhalten sollten. Große Bedeutung kam dabei den Namen der vier Evangelisten zu, die als früheste Zeugen der Heilsbotschaft in höchstem Ansehen standen. Sie hielt man für besonders wirkmächtig, und ihre Initialen wurden häufig in die Wetterglocken der gotischen Zeit, in Schutzamulette oder in Reliquiare für den Wettersegen eingeprägt. Besonders Markus, an dessen Gedenktag (25. April) die erste große Bittprozession stattfand, rief man gern als Schutzpatron bei Blitz und Hagel an.

Auch die Wachenheimer Winzer haben vor 500 Jahren ihr Vertrauen auf  den Schutz und die Hilfe der vier Evangelisten gesetzt: In großen gotischen Buchstaben stehen ihre Namen auf den vier Kreuzesbalken, um nach Westen hin allem drohenden Unwetter beschwörend Einhalt zu gebieten. Dazwischen, in der obersten Zeile des Querbalkens, die Bitte: „o ihesum maria behid us“ – Jesus, Maria behüte uns! So rekonstruierte man 1952 den stark verwitterten und fast unlesbar gewordenen ursprünglichen Wortlaut – eine Lesart, die nicht unumstritten blieb. Der eingeritzte Spitzmeißel und die Buchstaben im Schaft unter der Jahreszahl sind wohl Zeichen, mit denen der Steinmetz sein vollendetes Werk signierte.

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Gotische Inschrift

Gewiss, die Zeit hat dem „wetter Crutz“ übel mitgespielt, und in seinem Versteck ist es weithin vergessen. Aber wer vor ihm steht, den zieht es unweigerlich in seinen Bann: als einziges spätmittelalterliches Wetterkreuz in unserer Region und als eindrucksvolles Zeugnis der Volksfrömmigkeit dieser Zeit.

Der Weg

Unsere Wanderung verbinden wir mit dem Besuch zweier bedeutender Baudenkmäler aus romanischer Zeit: der Klosterkirche von Seebach und der Klosterruine Limburg.
Ausgangspunkt ist der Waldparkplatz am Beginn des Poppentals in Wachenheim. Anfahrt: Von der B 271 kommend  (Abfahrt „Friedelsheim, Wachenheim“) in den Ort hineinfahren. An der Ampel die Weinstraße überqueren und gleich rechts in die Bürklin-Wolf-Straße einbiegen. An deren Ende gibt es auf der linken Seite – direkt vor einem privaten Parklatz einen öffentlichen Parkstreifen. Der Straße entlang folgen wir dem roten Punkt ins Poppental hinein. Nach 500 Metern führt der Wanderweg rechts steil den Hang hoch zu einer Wochenend-Siedlung und durch diese zum Mundhardter Hof. Unmittelbar vor der Gaststätte weist ein Schild nach rechts zum „Wetterkreuz“. Es erwartet uns auf der bewaldeten Hügelkuppe, wo es sich auf der linken Wegseite über einer geschichteten Stein- und Erdterrasse erhebt.

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Die romanische Kirche von Seebach

Zurück am Mundhardter Hof, setzen wir die Wanderung in Richtung Seebach und Bad Dürkheim fort, immer noch dem roten Punkt folgend. An der Kreuzung, wo der „Dammweg“ links nach Seebach hinabführt, wenden wir uns nach rechts zum 400 Meter entfernten „Flaggenturm“. Bad Dürkheimer Bürger haben 1854 die Aussichtplattform im neugotischen Stil erbauen lassen, um für die Kurgäste des aufstrebenden Solbades eine zusätzlich Attraktion zu schaffen. Sie gewährt eine faszinierende Rundsicht: Nach Osten geht der Blick ungehindert über die Rheinebene zum Odenwald hinüber, im Westen, vor der Kulisse der Haardtberge, erhebt sich majestätisch die Ruine der romanischen Klosterkirche Limburg.

Wieder an der Kreuzung, geht es nun den Dammweg nach Seebach hinunter. Der Ort ist aus einer mittelalterlichen Benediktinerinnenabtei hervorgegangen, die 1591 infolge der Reformation aufgehoben wurde. Von der Anlage sind nur noch Teile der romanischen Klosterkirche erhalten: die Vierung mit dem oktogonalen Turm und der Chor. Doch auch als Torso präsentiert sich die Kirche äußerst wirkungsvoll, besonders beeindruckt die Wandgliederung, die an den Wormser Dom erinnert. Den Schlüssel für die Besichtigung des Innenraums, der heute als evangelische Pfarrkirche dient, gibt es in einem Nachbarhaus.

Vom Kirchplatz in der Ortsmitte gehen wir zur nördlich vorbeiführenden Durchfahrtsstraße (Hammelstalstraße), der wir mit der Weinsteigmarkierung bergauf bis zum Wendeplatz am Waldrand folgen. Hier zweigt rechts ein Pfad zur Ruine Limburg ab (Weinsteigmarkierung und blauer Balken). Zuletzt der Fahrstraße entlang zur Nordost-Kuppe des langgezogenen Bergsporns, auf dem die gewaltige Klosterruine hoch über Bad Dürkheim thront. Die Benediktinerabtei wurde von dem ersten Salier-Kaiser, Konrad II., nach seiner Wahl zum deutschen König 1024 gegründet, der Legende nach am selben Tag wie der Speyerer Dom. Schon 1035 konnte die riesige frühromanische Basilika (Länge mit der Vorhalle: 98 Meter) im Beisein Konrads eingeweiht werden – Ausdruck kaiserlicher Größe und Macht wie der Dom. Und wie dieser diente auch die Klosterkirche als Grablege für die Herrscherfamilie: Noch heute birgt die Ruine das Grab von Königin Gunhild, der ersten Gemahlin Heinrichs III. Doch die reiche Abtei hatte kaum 500 Jahre Bestand. 1504, im Landshuter Erbfolgekrieg, brannte der Leininger Graf Emich IX. von der benachbarten Hardenburg Kirche und Kloster nieder. Es folgten zwar Wiederaufbauarbeiten, doch 1571 löste der reformierte pfälzische Kurfürst Friedrich III. das Kloster auf, das damit dem endgültigen Verfall preisgegeben war.

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Blick vom „Flaggenturm“ zur Klosterruine Limburg

Wir verlassen die Ruine auf dem Hinweg, wenden uns aber ab der Straßenkehre am Beginn des Bergsporns  Richtung „Drei Eichen“ (Markierung Schwarzer Punkt in weißem Feld). Allen, die jetzt einkehren möchten, weist nach hundert Metern ein Schild den Weg hinab zum Naturfreundehaus Eppental. Von dort führt dann die grün-weiße Markierung wieder zum Waldparkplatz „Drei Eichen“ hoch. Nun folgen wir der gelb-roten Markierung nach Osten hinunter ins Poppental. An der Keltenquelle vorbei, erreichen wir im unteren Teil des Tales (auf der linken Wegseite) ein weiteres uraltes Kulturdenkmal: die „Steinerne Kelter“, ein in den gewachsenen Sandsteinfels gehauener riesiger Trog aus frühgeschichtlicher Zeit. Über seine Funktion wurde viel spekuliert: Ob er den Kelten als Opferstein oder den Römern als Weinkelter diente, lässt sich aber nicht mehr klären. Jetzt sind es nur noch eineinhalb Kilometer zum Auto.

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise

Gesamtwegstrecke:
Rund elf Kilometer.

Einkehrmöglichkeiten:
Öffnungszeiten der Klosterschänke Limburg: mittwochs bis samstags, 12 – 21 Uhr; sonntags 11,30 bis 20 Uhr (http://www.pfalz-info.com/restaurants/klosterschaenke.php);

Öffnungszeiten des Naturfreundehaus Eppental: täglich außer dienstags (http://www.naturfreunde-rlp.de/index.php/naturfreundehaeuser/7-k-11-nfh-gross-eppental).

Download der Druckfassung (PDF)
Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

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