Unterm Schutz der Madonna: Das Studerbild an der „Weinspange“

Die Pfalz und besonders die Weinstraße sind nicht arm an alten Bildstöcken, auch wenn man diese Andachtssäulen eher in Bayern, Tirol oder im Frankenland sucht. Seit dem späten Mittelalter sind sie bekannt, und viele Anlässe können zu ihrer Aufstellung geführt haben: Überstandene Nöte wie Krieg und Seuchen, die Erinnerung an Unglücksfälle, ein Gelöbnis zur Abwendung einer Gefahr oder einfach nur die dankbare Verehrung der Gottesmutter und anderer Heiligen. Geschmückt mit einem Heiligenbild, einem Relief oder einer Statue, stehen sie meist an Straßenkreuzungen oder an einst vielbegangenen Pilgerwegen, wo sie die Vorbeikommenden zum Innehalten und zum Gebet einladen.

Da kann es schon überraschen, einen solchen Bildstock in einem ganz versteckten Winkel der Pfalz zu finden, an einem Forstweg, der von den Höhen des Pfälzer Waldes ins Elmsteiner Tal hinabführt: Gemeint ist das „Studerbild“, kaum eine Viertelstunde Fußweg entfernt von der Totenkopfhütte unweit der Kalmit. Der etwa mannshohe Sandsteinpfeiler ist leicht zu übersehen. Unscheinbar steht er im Halbschatten hoher Laubbäume am Wegrand. Kaum ein Sonnenstrahl fängt sich an dem schlichten kleinen Relief mit der Schutzmantelmadonna, das erst seit wenigen Jahren die längst verloren gegangene Bildtafel im Nischenaufsatz ersetzt.

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Das Studerbild mit seiner Inschrift

Warum es hier steht, verrät das Studerbild nicht. Mit der Jahreszahl 1769 ist wohl das Jahr der Errichtung vermerkt, die Buchstabenreihen darunter dürften Initialen von Namen sein. Zu dieser Zeit aber war der Bildstock keineswegs ein verstecktes Heiligtum. Denn damals führte  ein vielbenutzter Weg, die sogenannte Weinspange vorbei. Auf ihm wurde mit Pferde- und Ochsengespannen oder mit Schubkarren der Wein vom Haardtrand ins Elmsteiner Tal und weiter nach Westen transportiert. Eine Betsäule, an der man auf gefahrvoller Reise den Schutz von oben erflehen konnte, hatte hier also sehr wohl ihren Platz.

Weniger rätselhaft als es scheint ist der Name des Bildstocks. Er erinnert an einen Stutenhof, den „Stutgarten“, den die Speyerer Fürstbischöfe ganz in der Nähe bei ihrer Burg Spangenberg im Elmsteiner Tal hatten. Reste seiner Umfriedung sind bis heute erhalten. Wahrscheinlich wurde der umliegende Wald, in denen die Pferde ihre Weideplätze fanden, ebenfalls nach den Stuten benannt. Und so bekam auch das dort stehende Bildmal von ihnen seinen Namen. Doch einen direkten Bezug zum Gestüt hat es wohl nicht; denn im Jahr 1769  war dieses schon längst untergegangen.

Fehlen auch historische Dokumente über das Studerbild, so hat sich doch die Sage an es geknüpft. Fred Weinmann erzählt in seinem Büchlein über Kultmale in der Pfalz die geheimnisvolle Geschichte, wonach im Jahr 1794, nach der unglücklichen Schlacht am Schänzel, die ins Elmsteiner Tal flüchtenden Preußen unter dem Bildstock ihre Kriegskasse vergraben hätten. Jahre nach dem Rückzug sei in Diedesfeld ein preußischer Offizier aufgetaucht, der sich nach dem Bildstock erkundigte und auch hinführen ließ. Nach einigen Tagen soll man den Stein umgestürzt aufgefunden haben und darunter die leere Grube, in der die Kriegskasse versteckt lag. So ganz unwahrscheinlich klingt für Weinmann diese Mär vom vergrabenen Schatz gar nicht …

Der Weg

Das Studerbild ist am schnellsten von der Totenkopfstraße aus zu erreichen. Vom Parkplatz an der Totenkopfhütte führt der grün-weiß markierte Wanderweg in nordwestlicher Richtung  eben und direkt zu dem nur 1,3 Kilometer entfernt gelegenen Bildstock. Unser Wandervorschlag nimmt aber den Waldparkplatz unterhalb der Burg Spangenberg im Elmsteiner Tal zum Ausgangspunkt. Hierzu biegt man kurz vor Erfenstein an der VRN-Bushaltestelle von der L 499 nach Spangenberg ab (von Neustadt kommend nach links, Wegweiser: “Spangenberg“). Direkt vom Parkplatz am Ende des Sträßchens führt ein Pfad – mit dem weiß-grünen Balken markiert – steil  durch den Wald zur 80 Meter höher liegenden Burgruine Spangenberg.

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Burg Spangenberg

Nach einer knappen Viertelstunde ist schon das erstes Highlight unserer Wanderung erreicht: die ehemalige Burg der Bischöfe von Speyer, die in den letzten 40 Jahren vom „Verein Burg Spangenberg“ in Teilen wiederaufgebaut wurde und nun auch eine gern frequentierte Burgschänke in ihren Mauern hat. Malerisch krönt sie eine weit ins Speyerbachtal vorspringende Felsspange, und wer die Oberburg ersteigt, genießt einen wunderschönen Ausblick zur gegenüber liegenden Ruine Erfenstein und in die Windungen des von steilen Waldhängen begrenzten Elmsteiner Tales.

Oberhalb der Burg folgen wir in stetem Anstieg weiter dem weiß-grün markierten Wanderweg, der auch mit einem großen W in weißem Kreis bezeichnet ist – Markierung für  die über den Totenkopf ans Hambacher Schloss führende historische „Weinspange“. Nach einem Kilometer mündet der Pfad in einen Forstweg, auf dem wir  bequem und nur noch mäßig steigend nach zwei weiteren Kilometern zu einer Wegespinne mit einer Schutzhütte kommen. Nun ist die Höhe des Pfälzer Waldes erreicht (489 Meter), und es bleiben nur noch etwa 600 Meter bis zum Ziel: Weiter dem Weg mit der bisherigen Markierung folgend, erwartet uns am Ende einer langgezogenen Kurve am linken Wegrand die Bildsäule (gleich hinter einer Wegabzweigung). Vom grünen Laubdach überwölbt, verheißt sie Schutz und Segen der Madonna mit dem Kind.

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Die Schutzmantelmadonna des Studerbilds

Direkt am Studerbild zweigt nach Westen ein Weg ab, der abwärts durch den Wald zu einer geologischen Besonderheit führt, dem sogenannten Studerbildschacht. Es handelt sich um eine Erdspalte im Buntsandstein, die vor fast 50 Millionen Jahren durch Absenkung des Rheingrabens entstand. Der Weg zur Spalte ist an Bäumen mit einem weißen „E“ markiert. Doch Vorsicht, der Schacht ist 50 Meter tief und darf nicht betreten werden. (Zusätzlicher Zeitbedarf für den Hin- und Rückweg: 20 Minuten.)

Zur Fortsetzung der Wanderung bleiben wir auf dem Weg, der direkt zur Totenkopfhütte führt. Samstags und sonntags geöffnet, lädt sie zur Einkehr ein, ebenso wie die zwei Kilometer entfernte Hellerhütte, die wir nun ansteuern.  Der Weg mit der blau-gelben Markierung führt über eine Bergkuppe, die sich auch rechts über den etwas längeren Jakobspfad umgehen lässt (Rundwanderweg 4). Bei heißem Sommerwetter gibt es kaum einen angenehmeren Rastplatz als die Hellerhütte unter den hohen,  schattenspendenden Baumkronen. Kaum zu glauben, dass dieser beschaulich-stille Platz einmal in die Schlagzeilen geraten konnte, als in der Silvesternacht 1960 die Kimmel-Bande des „Al Capone aus der Pfalz“ hier den Hüttenwart Karl Wertz erschoss. 3,7 Kilometer sind es von hier aus zurück zum Parkplatz. Die Route mit der weiß-roten Markierung folgt zunächst einem Forstweg. Nach dreihundert Metern zweigt in einer Haarnadelkurve ein Pfad ab, hinunter ins „Höllisch-Tal“, durch das wir direkt wieder den Ausgangspunkt unserer Wanderung erreichen.

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise:

Gesamtwegstrecke:
Rund 12 Kilometer.
(Wer genug Energie hat, kann auch noch die Ruine Erfenstein, die der Sage nach einst durch eine Lederbrücke mit Spangenberg verbunden war, ersteigen: Der weiß-grünen Markierung folgend nach links  ins Tal und über den Speyerbach in die Ortsmitte; von dort in einer Viertelstunde zur Burg hoch.)
Tipp: Eisenbahnromantiker können diese Tour mit einer nostalgischen Fahrt im „Kuckucksbähnel“ verbinden. Der Museumszug erreicht an Sonn- und Feiertagen von Neustadt aus (Start 10.45 Uhr) um 11.30 Uhr Erfenstein, die letzte Rückfahrtmöglichkeit von hier besteht um 17.41 Uhr. (http://www.eisenbahnmuseum-neustadt.de/)

Einkehrmöglichkeiten:
Öffnungszeiten der Burgschänke: http://www.burg-spangenberg.de/verein.html;
Öffnungszeiten des Hellerplatzhauses: Mittwoch bis Sonntag (10 – 18 Uhr) (http://hellerhuette.de/de/);
Öffnungszeiten der Totenkopfhütte: samstags, sonn- und feiertags ab 11 Uhr, in den Sommerferien täglich. Winterpause im Dezember und Januar. (http://www.pwv-maikammer.de/totenkopfhütte/).

Weitere Hinweise:
In den Sommermonaten (bis 1. September) lässt sich der Ausflug auch mit der Mitfeier eines sonntäglichen Waldgottesdienstes am Totenkopf verbinden (jeweils 10.30 Uhr an der Diedesfelder Hütte nahe der Pfälzerwaldvereinshütte).

Download der Druckfassung (PDF)

Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

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