Wiedererstanden nach schwerer Kriegsnot: Die Michaelskapelle bei Deidesheim

Sankt Michael, der Engelsfürst, ist ein gewaltiger Streiter gegen die Mächte der Finsternis. So nimmt es nicht Wunder, dass im Westwerk der mittelalterlichen Kirchen meist ein Michaelsaltar aufgestellt war, der die Gläubigen schützen sollte gegen die von Sonnenuntergang her andrängenden dämonischen Kräfte. Aber auch auf hohen Bergen errichteten unsere Vorfahren gern dem Erzengel geweihte Heiligtümer. Oft ersetzten sie frühere heidnische Kultorte, etwa Opferstätten für den germanischen Kriegsgott Wotan, den Michael nun verdrängte. Die bekanntesten dieser Michaelsberge sind der Monte Sant’Angelo in Apulien und der Mont-Saint-Michel in der Normandie.

Doch auch in unserer Region fanden sich in alter Zeit auf vielen Anhöhen Kirchen, die den streitbaren Erzengel zum Patron hatten. Manche von ihnen stehen heute noch, wie die auf dem Kirchberg über Deidesheim thronende Michaelskapelle. Ob hier schon eine heidnische Kultstätte bestand, muss Spekulation bleiben. Immerhin liegen oberhalb der Kapelle die sogenannten Heidenlöcher, eine ins 9. Jahrhundert zurückreichende Höhenfestung aus karolingischer Zeit. Ihr Name könnte aber auf noch frühere Ursprünge hinweisen.

Bezeugt ist das „Kirchlein beim Wetter Creutz“ erstmals um 1600. Doch war der spätgotische Bau, der dem heutigen Ostteil zugrunde liegt, wohl damals schon im Zerfall begriffen. Denn 60 Jahre später wurde die Kapelle von dem Maurermeister Michael Ramlau, der aus Pommern eingewandert war, erneuert und nach Westen erweitert. Er erfüllte damit den letzten Willen seiner aus Deidesheim stammenden Frau und stiftete dazu noch 100 Gulden und zwei Seelenmessen. Das Bauwerk bekam einen barocken Dachreiter und eine Empore; auch eine Feldkanzel wurde errichtet. Und so belebte sich wieder die Wallfahrt zu dem Heiligtum. Vor allem am Michaelstag und am Fest Mariä Heimsuchung zogen die Gläubigen aus Deidesheim, Forst und Niederkirchen zu ihm hinauf – vorbei an verloren gegangenen Kreuzwegstationen. Sogar Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn pilgerte 1720 mit dem Rosenkranz in der Hand zur Kapelle.

Doch die Französische Revolution mit der Besetzung der Pfalz beraubte die Kapelle der finanziellen Mittel und setzte den Gottesdiensten ein Ende. Das langgestreckte Gebäude zerfiel, Anfang des 20. Jahrhunderts standen nur noch die Reste der äußeren Mauern. Ein Wiederaufbauplan nach dem Ersten Weltkrieg scheiterte, und erst die Schreckenszeit des Zweiten Weltkriegs brachte die Wende: Am 30. Mai 1942 – die verheerenden nächtlichen Bombenangriffe auf deutsche Städte hatten gerade begonnen – gelobte der damalige Deidesheimer Pfarrer, Prälat Heinrich Hartz, mit seiner Gemeinde die Wiederherstellung der Kapelle, sollte der Ort unter dem Schutz des heiligen Michaels von der Zerstörung verschont bleiben.

Das Gelöbnis wurde erfüllt, wenn auch wegen der Mangelsituation erst sieben Jahre nach dem Krieg. Aber schon 1945 führte wieder eine Bittprozession zur Kapellenruine und auch der erste pfälzische Katholikentag nach dem Krieg fand 1949 an dem Ort statt. Der Wiederaufbau auf den alten Grundmauern im Jahr 1952 erfolgte sehr zügig, die Spenden waren reichlich geflossen und zahlreiche Helfer stellten sich für das Werk zur Verfügung. Am 18. Oktober konnte Bischof Joseph Wendel, damals bereits zum Erzbischof von München-Freising ernannt, die Altarweihe vornehmen. Seitdem ziehen Jahr für Jahr am Michaelstag wieder die Wallfahrer zur Kapelle, um vor dem großen Glasgemälde des Erzengels im mittleren Chorfenster das stets aktuell bleibende Anliegen vorzubringen:

Michael, kämpfe für die Ehre Gottes,
Engel des Friedens, banne Krieg und Unheil,
schütze die Kirche,
schütze die Erlösten vor allem Bösen.
(Hymnus der Laudes zum Erzengelfest)

Der Weg

Weinberge, Esskastanien, bunte Wälder: Alles was den Herbst an der Weinstraße so schön macht, bietet der folgende Wandervorschlag, der außer zur Michaelskapelle  auch zu den Heidenlöchern und dem 516 Meter hohen Eckkopf führt. Wir starten die Tour am Waldparkplatz Sensen-Tal. Um ihn zu erreichen, biegt man (von Neustadt kommend) nach der Ortsmitte von Deidesheim in der Rechtskurve vor einer Tankstelle links ab in die Kaisergarten-Straße. Bei den letzten Häusern empfiehlt sich ein Stopp. Hier steht vor einer Weinbergsmauer die erste Sehenswürdigkeit auf unserem Weg: der Bildstock im „Grain“, eines der ganz seltenen spätgotischen Flurdenkmäler in der Pfalz.

30
Der Bildstock am Grainhübel

Eingerahmt von zwei mittelalterlichen niedrigen Steinkreuzen, stellt er in seinem spitzbogig geschlossenen Tafelaufsatz aus gelbem Sandstein die Kreuzigung Jesu vor Augen. Die schwerfällig wirkende Darstellung zeigt neben dem Gekreuzigten links Maria und Katharina, rechts Johannes und vermutlich Barbara. Drei Engel fangen das Blut aus den Wundmalen Christi auf, ein Vierter schwingt das Weihrauchfass. In dem fast nicht mehr lesbaren Schriftzug darunter ist die Jahreszahl 1431 zu erkennen. Auf einem Schild des Sockels ist, eingerahmt von zwei Totenschädeln, ein kniender Mann vor einem Rebmesser zu sehen. So erinnert der Bildstock wahrscheinlich an einen tödlichen Unglücksfall.

Wir fahren nun geradeaus das von hohen Weinbergsmauern eingefasste Sträßchen hoch. An der zweiten Wegkreuzung biegen wir links ab und kommen so – die Michaelskapelle im Blick – direkt zum Parkplatz am Waldrand. Wenn die Wanderschuhe geschnürt sind,  folgen wir zunächst dem Waldweg, der mit dem weiß-roten Balken, bzw. der rot-weißen Wellenlinie des „Weinsteigs“ markiert ist. Nach 150 Metern zweigt rechts ein Pfad ab. Er führt zur hundert Meter höher am Waldrand liegenden Michaelskapelle, die nur zur Rheinebene hin mit ihrem Ostteil aus dem Schatten der Bäume heraustritt. Ein großformatiges, 1995 entstandenes Kreuzigungsbild über dem spitzbogigen Portal empfängt den Besucher, der – sollte die Tür geschlossen sein – durch ein Sichtfensterchen ins Innere schauen kann.

29

Nächstes Ziel sind die Heidenlöcher auf dem Bergrücken westlich der Kapelle. Man folgt vom Kapellenvorplatz aus entweder dem anfangs recht steilen „Weinsteig“, oder etwas bequemer dem Weg mit dem roten Punkt; beide treffen weiter oben wieder zusammen. Auf der Bergkuppe tritt man durch den noch deutlich erkennbaren, 450 Meter langen Ringwall in die frühmittelalterliche Fliehburg und umrundet sie bis zur südwestlichen Toranlage. Entstanden zum Schutz vor kriegerischen Einfällen der Normannen oder Ungarn, enthielt sie 65 kleinere und größere Steinhäuser, deren Fundamente durch Grabungen wieder freigelegt worden sind.

Wir verlassen die Kuppe westwärts und kommen zu einer Wegespinne. Hier halten wir uns links und folgen dem weißen Punkt Richtung Eckkopf. Ohne allzu starken Anstieg erreichen wir nach etwa 1,5 Kilometern erneut eine Wegkreuzung. Hundert Meter weiter verlässt der Pfad in scharfem Winkel den Forstweg, und bringt uns – immer noch mit dem weißem Punkt markiert – auf den Gipfel des Eckkopfs mit seinem 25 Meter hohen Aussichtsturm. Die oberste Plattform der nach allen Seiten offenen Stahlkonstruktion ermöglicht einen grandiosen Rundblick: von der Rheinebene im Osten über die Höhen des Haardtrandes und des Pfälzer Waldes im Süden und Westen bis zum Donnersberg im Nordwesten. Wer die Tour am Wochenende unternimmt, kann nun noch in der Hütte, die in die untere Etage des Turms eingebaut ist, einkehren.

Vom Turm aus folgen wir weiterhin dem weißen Punkt (Vorsicht: nicht der weiß-blauen Markierung!) in südwestlicher Richtung und erreichen so nach etwas mehr als einem Kilometer – zuletzt auf einer neuen Forststraße – die Wegkreuzung „Am Weißenstich“. Von hier aus führt die blau-gelbe Markierung (Geißbockpfad) nach Osten ins Martental hinab, wo nach knapp drei Kilometern eine Pfälzerwaldvereinshütte, die „Waldschenke“, die müden Wanderer erwartet. Nur ein kurzes Wegstück (blau-gelbe Markierung) ist es nun noch bis zum Talausgang. Kurz vorm Waldrand und dem dortigen Waldparkplatz biegen wir links ab und treffen auf den „Wanderweg Deutsche Weinstraße“ mit dem Weintraubensymbol und dem roten Balken. An den Weinbergen der Lage „Paradiesgarten“ entlang und mit schönem Blick auf Deidesheim erreichen wir nach einem weiteren Kilometer den Parkplatz.

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise:

Gesamtwegstrecke:
Knapp 11 Kilometer.

Die Kapelle ist an Sonn- und Feiertagen geöffnet.
Wallfahrtstage: Frühlingswallfahrt am 1. Sonntag im Mai; Familienwallfahrt am 1. Sonntag im September; St. Michaelswallfahrt am letzten Sonntag im September.

Einkehrmöglichkeiten:
Öffnungszeiten der Eckkopfturm-Hütte: samstags und sonntags (http://www.deidesheim.de/de/aktiv/eckkopfturmbewirtschaftung-2016.html); Öffnungszeiten der Waldschenke Deidesheim: zusätzlich auch mittwochs und donnerstags (http://www.waldschenke-deidesheim.de/index.html).

Download der Druckfassung (PDF)

Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

©  Text und Fotos: Richard Schultz

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s