Wo Petrus Donar verdrängte: Die „Heiligenkirche“ über Bockenheim

Bockenheim, das nördliche Tor zur Weinstraße, ist eine uralte Siedlung. Wahrscheinlich hatten sich  schon die Römer in der Spätzeit des Imperiums hier niedergelassen, um Wein anzubauen. Ihnen folgten in der Völkerwanderungszeit die Alemannen und – um das Jahr 500 – die Franken. An einen Verwaltungssitz der Merowingerkönige erinnern noch heute die Mauerreste des ehemaligen „Mittelhofes“. Und durch eine frühe Urkunde ist bezeugt, dass im Jahr 770, unter der Herrschaft von Karl dem Großen, der Franke Grimbert seinen Hof in der „marca bucinheim“ mit dem gesamten Landbesitz dem Kloster Lorsch an der Bergstraße zum Geschenk machte.

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Die romaische Martinskirche von Klein-Bockenheim

Auch ein Kirchlein, das sich in einem kleinen Kastanienhain auf dem Petersberg westlich über Bockenheim versteckt, geht auf diese Zeit zurück. Man nennt es die „Heiligenkirche“, doch geweiht ist es dem heiligen Petrus, was für sein hohes Alter spricht. Denn gerade von den germanischen Völkern wurde Petrus als „Apostelfürst“ hoch verehrt. Und wie ja noch heute Petrus im Sprachgebrauch für das Wetter zuständig ist, ersetzten oft Peterskirchen auf Bergen und an Quellen die Heiligtümer des heidnischen Wettergottes Donar. Dies könnte auch für die Heiligenkirche zutreffen: gibt es doch hier nicht nur eine Quelle, sondern auch – ein wenig oberhalb – eine alte heidnische Kultstätte, den „Katzenstein“. Der Legende nach soll es der fromme Einsiedler Philipp aus dem nahen Zell gewesen sein, der im achten Jahrhundert an dieser Stelle Petrus eine Kirche baute.

Schriftliche Zeugnisse für die Existenz der Kirche fehlen aus dieser frühen Zeit ganz. Doch immerhin wurde bei Planierungsarbeiten ein Stück eines frühromanischen Sandsteinfrieses gefunden, und auch der 1287 erwähnte Flurname „Am Heiligenborn“ weist auf das Quellheiligtum hin. Damals hatte das Kloster Otterberg, in der Nachfolge von Lorch, die Grundherrschaft über Bockenheim. Ein Visitationsbericht aus dem Jahr 1496 spricht dann erstmals von einer Kapelle des heiligen Petrus mit drei Altären, zu der zwei Benefizien gehörten, also  Kirchengüter mit jeweils einem Haus für einen Kleriker (Benefizianten). Diese, heißt es in dem Bericht, waren aber zuvor „in Kriegszeiten“ (Veldenzer Fehde von 1471) eingeäschert worden. Wie lange dann noch die Kirche dem Kultus diente oder Wallfahrer zu der heilkräftigen Quelle zogen, bleibt unklar. Ein Ende setzte wohl das Jahr 1559, als die Otterberger Besitztümer (nach der Auflösung des Klosters) an die reformierte Kurpfalz übergingen. St. Peter wurde mehr und mehr zur Ruine.

Erst im Zuge der Rekatholisierung der Kurpfalz nach 1698 wurde der katholische Gottesdienst in Bockenheim wieder erlaubt. So gingen die Katholiken des Ortes seit 1730 auch daran, die Heiligenkirche wiederaufzubauen, mit der imposanten Länge von etwa 35 Metern. Doch spätestens seit der Revolutionszeit blieb das Gotteshaus erneut dem Verfall überlassen. „Mit Abfällen, Kot und Unrat angefüllt“, wurde es 1825 auf Abriss versteigert. Glücklicherweise aber konnte der tonnengewölbte Raum über der Quellfassung, die Krypta, gerettet und 1859 baulich gesichert werden. Es dauerte dann noch einmal fast 80 Jahre, bis 1936 wieder Dach und Türmchen aufgesetzt wurden, die das heutige Bild des Kirchleins prägen. Verbunden damit war auch eine Erweiterung des Patroziniums. Und so zieht nun jedes Jahr in der Oktav des Festes Peter und Paul die Kolpingfamilie des Bistums Speyer bei ihrer großen Diözesanwallfahrt hinauf zur „Kirche des hl. Petrus und Paulus zu den Stufen der allerseligsten Jungfrau Maria“, um im Schatten der alten Linden neben dem ersten Kirchenpatron auch die Mutter Jesu zu ehren und zu grüßen.

Der Weg

Der Besuch der Heiligenkirche lässt sich mit einer reizvollen Wanderung auf dem „Bockenheimer Sängerwanderweg“ verbinden, der  – markiert mit dem Notenschlüssel – über die Höhenzüge rechts und links des Kinderbachs führt. Das Auto kann man am „Haus der Deutschen Weinstraße“ – dem nördlichen Pendant zum Schweigener Weintor – direkt neben der B 271 abstellen. Wir gehen zur Ortsmitte zurück, doch nicht entlang der verkehrsreichen Weinstraße, sondern durch die Bugostraße (sie zweigt nach dem Weiher rechts ab), die Burgunder- und Römerstraße bis zur katholischen Kirche St. Lambertus. Hier treffen wir auf die Stiegelgasse, den alten Kapellenweg, der in die Weinberge hochsteigt. Bei einer Wegegabelung halten wir uns links.

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Trullo, Weinberghäuschen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert

Fünfzig Meter hinter einem überkuppelten Wingerthäuschen, einem historischen „Trullo“, führt ein Weinbergweg nach rechts zu einer Baumgruppe, unter deren Laubdach das Heiligenkirchlein hervorleuchtet. Zuerst ins Auge fällt das elegante barocke Rundbogenportal unter dem Dreiecksgiebel; mit den flankierenden Mauerresten rechts und links zeugt es noch von dem untergegangenen Kirchenbau des 18. Jahrhunderts. Davor entspringt die nur noch ganz spärlich fließende Gnadenquelle. Sie wurde 1970 von der Kolpingjugend  wiederentdeckt und neu gefasst. Ursprünglich floss sie aus einer Nische des Altarsockels in der Unterkirche, die sich hinter dem Torgitter öffnet. Nur mit Ehrfurcht blickt man in dieses kaum zimmergroße Gewölbe: Es ist die Urzelle des altehrwürdigen Heiligtums, die allein die Jahrhunderte überdauert hat.

Zurück auf dem Wingertweg, führt dieser rechts an der Heiligenkirche vorbei zur Anhöhe hoch, wo gleich links ein gewaltiger, stark verwitterter Kalksteinbrocken liegt: der „Katzenstein“ (Götzenstein), der Überlieferung nach eine Kult- und Opferstätte aus germanischer Zeit. Etwas oberhalb bringen uns Weinbergwege zunächst in südlicher, dann westlicher Richtung zum Galgenberg, mit 300 Metern der höchste Punkt der Tour. Die schönen Ausblicke zum Pfälzer Wald, zum Donnersberg und ins Zeller Tal genießend, gehen wir auf die ehemalige Patriot-Raketenstation zu, biegen aber auf halbem Weg nach rechts ab. So erreichen wir im Talgrund den Ortsrand von Kindenheim. Wir überqueren den Bach und treffen auf die Autostraße. Hier, am westlichen Ortsende, lohnt der Besuch des alten Gemeindefriedhofs mit Grabdenkmälern aus vier Jahrhunderten. Durch den leicht nach links abzweigenden Gräfenstückweg steigen wir nun wieder in die Weinberge hoch. Oben biegt der Wanderweg nach rechts, Richtung Rheinebene ab. Nach 400 Metern, an einer Wegegabelung, gehen wir ein kleines Stück Richtung Dorf bis zu einer Pforte, die sich rechtsseitig in einer alten Toranlage öffnet. Es ist der Zugang zum ehemaligen jüdischen Friedhof: ein beeindruckendes Areal mit fast 200 Grabsteinen, der älteste aus dem Jahr 1719. Auch die Toten der jüdischen Gemeinden von Biedesheim, Bubenheim, Groß- und Kleinbockenheim wurden hier bestattet. Zurück an der Wegegabelung folgen wir wieder dem Sängerwanderweg, der schließlich zum Ortsende von Kindenheim hinabsteigt. Dort quert er die Straße, führt über den Bach und zweigt dann nach links ab. Nach etwa einem Kilometer erreichen wir Bockenheim und – vorbei am ehemaligen „Mittelhof“ – das Haus der Deutschen Weinstraße.

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Der jüdische Friedhof von Kindenheim

Kartenansicht der Wegstrecke

Karte

Hinweise:

Gesamtwegstrecke:
Knapp zehn Kilometer.
Einkehrmöglichkeiten:
Siehe Gaststättenverzeichnis von Bockenheim (http://www.bockenheim-online.de/index.php?seite=gastronomie) und Kindenheim (http://www.kindenheim-info.de/tourismus/essen-trinken.html).

Download der Druckfassung (PDF)

Download der kompletten Serie (EPUB-Format) / (AZW3-Format)

 ©  Text und Fotos: Richard Schultz

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